[12.01.11] Eingestellt von: 

Aktuelle Evaluationsergebnisse aus Nordrhein-Westfalen

1.  Gesellschaftlicher Mitgestaltungsauftrag

 

In Nordrhein-Westfalen sind  416 Anerkannte Bewegungskindergärten bis Ende 2010 zertifiziert worden.  Der Landessportbund und seine Sportjugend haben sich vor über einem Jahrzehnt aufgemacht und einen besonderen gesellschaftspolitischen Akzent gesetzt, um Kindern zu ihrem Grundrecht auf Bewegung zu verhelfen und dafür viele Erwachsene für eine „Lobby für Kinder“ und als Garanten für eine Kinderwelt als Bewegungswelt zu gewinnen. In diesem Mitgestaltungsaufbruch für eine zukunftsfähige Gesellschaft  ging es der größten zivilgesell-schaftlichen Organisation in Nordrhein-Westfalen auch darum, möglichst viele Erwachsene für die Bedeutsamkeit von Bewegung als Motor der individuellen Persönlichkeitsentwicklung insbe-sondere in früher Kindheit zu sensibilisieren. Ferner sollten Erziehende in Kindertagesstätten und Sportvereinen und Eltern für ihre Schlüsselrolle des kindlichen Bewegungsglücks empfindsam gemacht werden. Da es keiner alleine schafft, wurde ebenso für Netzwerk-Allianzen geworben.   

 

2.  Zertifizierungskriterien, die alle vollständig zu erfüllen sind

 

Der Landessportbund hat sich mit seinem Handlungsprogramm einen hohen qualitativen Standard gesetzt und grundlegende Kriterien festgelegt. So muss der Träger des beantragenden Kindergartens (der Tageseinrichtung für Kinder/ TFK) eine Kooperation mit einem ortsansässigen Sportverein eingehen. Das Prinzip  “Bewegungserziehung” einschließlich der täglichen Durch-führung von angeleiteten und offenen Bewegungsangeboten sowohl drinnen als auch draußen muss im pädagogischen Konzept der TFK durch den Träger, das pädagogische Personal und den Elternrat festgelegt sein. Die Leitung der TFK und mindestens eine pädagogische Fachkraft pro Gruppe müssen bei der Antragstellung eine Sonderausbildung (70 LE) oder eine gleichwertige Ausbildung nachweisen. Ferner müssen ein geeigneter Bewegungs- bzw. Mehrzweckraum, ein entsprechend gestaltetes Außengelände und eine kindgerechte Geräteausstattung vorhanden sein. Die TKF verpflichtet sich darüber hinaus, mindestens zwei Elternabende pro Jahr zum Thema „Körperbildung, Bewegung, Spiel und Sport“ durchzuführen.

Der kooperierende Sportverein wird für sein Engagement als „Kinderfreundlicher Sportverein“ ausgezeichnet. Die Übungsleiter/innen  besitzen  eine Sonderausbildung „Bewegungserziehung im Kleinkind- und Vorschulalter“.

 

3.  Qualitätssicherung

 

Innerhalb von zwei Jahren haben sich alle bewegungspädagogischen Fachkräfte des zertifizierten ABK regelmäßig durch eine Fortbildung (15 LE) ebenso weiterzubilden wie die Übungsleiter/innen in ihrem Qualifizierungssystem des organisierten Sports.

Durch ein landesweit gespanntes Beratungsnetz  (zz. 25 Berater/innen) werden bestehende ABK weiter qualifiziert, beraten und begleitet. Feste Arbeitskreise bieten einen kontinuierlichen  kollegialen Informationsaustausch.

Die Berater/innen, die in regionalen Koordinierungsstellen der Kreis- und Stadtsportbünde strukturell verortet sind, stehen interessierten TFT und Trägern, die sich auf den Weg machen möchten, bzw. Sportvereinen, die sich für eine Kooperation interessieren, für individuelle Beratungen vor Ort zur Verfügung.

Die Sportjugend NRW stellt die Landeskoordinatorin und aktualisiert stets ihre unterstützenden Materialien zum Thema, wie ihren praktischen Handlungsrahmen und Leitfaden.

Zusammen mit wissenschaftlichen Einrichtungen bzw. über das Berater/innen-System werden regelmäßig Evaluationen durchgeführt.

 

4.  Finanzierung

 

Der Landessportbund mit seiner Sportjugend wird in diesem Handlungsprogramm von der Landesregierung NRW und von allen gesetzlichen Krankenkassen unterstützt.

Außerdem beteiligen sich zunehmend die Träger an den Qualifizierungskosten bzw. übernehmen sie bereits vielerorts insgesamt für die Erzieher/innen.  

 

5.  Aktuelle Evaluationsergebnisse 2010

 

In einer qualitativen persönlichen Gesprächs-Befragung (randomisiertes Verfahren) von 200 Anerkannten Bewegungskindergärten (von aktuell 416; jeweils die ABK-Leitungen), 200 Kinderfreundlichen Sportvereinen (aktuell  375; jeweils ein/e beteiligte/r verantwortliche/r Übungsleiter/in) und 200 Eltern (jeweils ein/e Vertreter/in des Elternrates der ABK) werden nachfolgend Antworten gebündelt aufgeführt. Es werden nur Aussagen mit einer quantitativen Repräsentanz von mehr als 50% und ohne weitere Wertigkeitshierarchie beschrieben.    

 

5.1.  Was haben die Kinder davon?

 

5.1.1   Was hat sich bei den Kindern in dem ABK verändert? 

 

Nach Aussagen der ABK-Leitungen zeigen Kinder in ausgewählten Entwicklungs- und Lebensbereichen Veränderungen. Bei den „Level – Funktionen“ sind Wirkungen beim Umgang mit Materialien und eine  stabilere Körperlagesicherung bei aktiven Raumbewegungen sichtbar. Beim kognitiven Lernen fallen die erhöhte Aufmerksamkeit und Ausdauer auf. Positive Auswirkungen sind auch bei persönlichkeitsstabilisierenden Faktoren (Lebenstauglichkeit) wie ein sicheres  Selbstkonzept oder eine umfassendere Selbstwirksamkeit beobachtbar; dies zeigt sich in einer erhöhten Selbstständigkeit. Beim sozialen Lernen fallen eine erhöhte Kommunikation und eine verminderte Aggression auf; sie sind sozialgerechter. Sichtbar wird auch ein verbesserter Gesundheitsstil, der durch ein zunehmendes individuelles Wohlbefinden beobachtbar wird. Bei der Aneignung von Kulturtechniken sind ein verbessertes Sprachverständnis und eine positive Sprachproduktion feststellbar.

 

5.1.2   Welche Verhaltensqualitäten zeigen Kinder, die in einem Bewegungs-

           kindergarten sind und regelmäßig in einen Sportverein gehen?

 

Die Kinder sind nach Aussagen der ABK-Leitungen und Sportvereinsübungsleiter/innen selbstsicherer, ausgeglichener, selbstständiger, aufmerksamer, konzentrierter, kontrollierter, zufriedener, widerstandsfähiger, stressresistenter, mutiger, sicherer, freizeitorientierter, ausdauernder, beharrlicher, sozialgerechter, integrierter und regelgerechter.

 

5.1.3      Welchen Profit haben Kinder durch Kooperationen zwischen ABK und

Sportvereinen / SV?

 

Vornehmlich werden nach den Aussagen der ABK-Leitungen und Sportvereinsübungsleiter/innen zwei Wirkungen als Antworten hervorgehoben, zum einen ein Mehr an Alltagsmotorik für Jungen und Mädchen durch kindgerechte und ergänzende ABK- und SV -Angebote.

Zum anderen gewinnen die Kinder durch das gemeinsame Angebot von ABK und SV  mehr formelle und informelle Bildungsgehalte, wie z.B. eine höhere Partizipation an Lernprozessen.

 

 

 

 

 

 

5.1.4   Welchen Mehrwert haben Kinder durch eine Mitgliedschaft im SV 

 

Kinder profitieren nach Aussagen der Sportvereinsübungsleiter/innen und Eltern durch eine erhöhte  Achtsamkeit, Anerkennung, Wertschätzung ihrer sportiven Ressourcen/Talente, wenn ihnen ausreichend Raum und Zeit für sportliche Vielfalt geboten und besondere sportive Forder- und Förderanlässe zuteil werden. Durch die Gruppenzugehörigkeit und Gemeinschaftserfahrungen im SV finden sich Jungen und Mädchen geborgen. Außerdem erfahren sie eine Moralkodex-orientierung (u.a. Regeleinhaltung).

 

5.2    Was haben die ABK davon?

 

5.2.1  Welchen Profit haben ABK durch Kooperationen mit SV?

 

Nach Aussagen der ABK-Leitungen und der Eltern zeigt sich der Profit u. a. darin, dass  SV zu einer umfassenden Alltagsmotorik beitragen. Sie können ABK qualifiziert bei Bewegung, Spiel und Sport unterstützen. Gemeinsam sind SV und ABK stärkere,   gemeinsame Lobbyisten für Kinder. SV bieten den ABK ergänzende Angebotsmodule und Vereins-Bewegungsräume und –Bewegungsgelegenheiten an. SV können durch männliche Vereinsmitarbeiter verstärkt gendern.

 

5.2.2  Wodurch unterscheiden sich ABK von anderen Kindergärten?

 

Nach Aussagen der ABK-Leitungen haben ihre Einrichtungen durch den Prozessweg zum  ABK

ein zeitgemäßeres Profil bekommen, weil die Bedeutsamkeit der Bewegung stärker berücksichtigt wird. Sie fühlen sich als realere Lobbyisten für eine Kinderwelt als Bewegungswelt, da das Grundrecht auf Bewegung und ihre Bedeutung für die frühkindliche Entwicklung zunehmender realisiert wird. Es ist eine gesündere Infrastruktur verwirklicht worden, weil Bewegung das Gesundheitsverhalten aller Beteiligten fördert und leicht Sprachbarrieren überwinden hilft. Auch eine höhere Bedürfnisbefriedigung der Kinder ist feststellbar, weil Bewegung und Spielen ihre zentralen Lieblingsbetätigungen auch in der Freizeit sind und ihnen jetzt ein umfassenderes Bewegungs-, Spiel- und Sportangebot unterbreitet wird.

 

5.3     Was haben die Sportvereine (SV) davon?

 

5.3.1  Welchen Profit haben die SV durch eine Kooperation mit ABK?

 

Nach Aussagen der Sportvereinsübungsleiter/innen werden sie als wichtiger kommunaler Bildungsakteur durch ihre gesellschaftliche Beteiligung besonders wertgeschätzt. Für die Vereinsentwicklung zeigt sich der Mehrwert durch neue Angebotsformen, inhaltliche und  qualitative Veränderungen, neue Mitglieder, neue Ehrenamtliche und eine stärkere Bindung von Kindern und Eltern an den Sportverein.

 

5.3.2  Welche Erkenntnisse haben SV aus der Kooperation gewonnen?

 

Nach Aussagen der Sportvereinsübungsleiter/innen haben die SV zum einen die Erkenntnis gewonnen, sich auch weiter als Bildungspartner zu positionieren. Dies bedeutet, sich zu verstehen als Bildungsinstanz, die den Kindern primär informelle Lernarrangements zur Verfügung stellt. SV bekennen sich als non-formales Setting bzw. gestalten in Settings und bieten Kooperationspartnern Profil und Infrastruktur. Sie haben einen spürbaren Kooperationswillen und sind kooperationsfähig. Zum anderen möchten Sportvereine weiter Zukunftsgestalter sein, d.h., sich als Bildungsakteure verstehen, die mithelfen, Bewegungskompetenz als Bildungsziel zu realisieren und Bildungsallianzen mit Tageseinrichtungen für Kinder und Eltern suchen und weiter als Lobbyisten für Kinder agieren.

 

 

5.4       Was haben die Eltern/Familien davon?

 

5.4.1     Welchen Profit haben die Eltern/Familien, deren Kind in einem ABK ist und regelmäßig in einen SV geht?

 

Nach Aussagen der Eltern hat sich das Familienklima verbessert. Dies drückt sich in einer höheren Gelassenheit aus. Das familiäre Beziehungs- und Vertrauensverhältnis ist stabiler geworden und gemeinsame Aktivitäten bzw. gemeinsames Handeln haben zugenommen. Es ist zu einer nicht vermuteten Zunahme der Selbstreflexion familiärer Prozesse gekommen, die sich dadurch ausdrücken, dass man sich mehr Zeit für Gespräche und Familienkonferenzen nimmt. Verbessert haben sich auch das Sozialverhalten und Kommunikationsklima, was durch eine höhere Frustrationstoleranz der Familienmitglieder sichtbar wird. Ebenso ist eine höhere Lebensqualität, ein zufriedener Lebensstil beobachtbar. Auch sind die Eltern überzeugter vom Wert von  Körperbildung, Bewegung, Spiel und Sport für die Entwicklung ihres Kindes. Sie stellen ein Mehr an alltäglichem Bewegen bei ihrem Kind, aber auch bei sich selbst, fest.

 

5.5         Was haben die ABK und die mit ihnen kooperierenden SV gleichermaßen von einer Kooperation?

 

5.5.1     Welche Veränderungsqualitäten zeigen und welchen Profit  haben Erzieher/

           innen und Übungsleiter/innen durch die Kooperation zwischen ABK – SV

 

Nach Aussagen der ABK-Leitungen und Sportvereinsübungsleiter/innen haben sich Teamarbeit und Arbeitsklima  positiv verändert, was sich im Vertrauen und in der gegenseitigen Unterstützung ausdrückt. Ebenfalls der infrastrukturelle Rahmen, wie Informationsfluss, Zuständigkeiten, Verbindlichkeiten hat sich verbessert. Die Erziehenden im ABK und SV profitieren individuell vom Zuwachs an fachlichen und personalen Kompetenzen, die durch ein verfügbares   Reflexionsverhalten, eine höhere Verantwortungsbereitschaft und eine vermehrte Courage deutlich werden. Die Fortbildungsmotivation hat gewonnen (Zunahme der  Bedeutsamkeitserkenntnis). Die Befragten stellen bei sich einen persönlichen (Lebens-) Mehrwert fest, der sich in einer höheren Zufriedenheit ausdrückt.

 

5.5.2       Welche Gelingensbedingungen werden einer Kooperation ABK und SV   

             zugeordnet?

 

Nach Aussagen der ABK-Leitungen und Sportvereinsübungsleiter/innen wird eine Vielzahl von Gelingensbedingungen aufgezeigt, die eine Kooperation sichern.  Über die Hälfte der Befragten nennen: Bereitschaft zur Blickerweiterung, wertschätzendes, gesundes Klima und Kommunikationskultur, keine Überfrachtung der Zielausrichtung, gemeinsame pädagogische Vorstellungen, Ziel- und Profilverantwortung, transparenter Informationsfluss und Prozessabläufe,

gesicherte Infrastruktur, Partizipation und Offenheit, Feedback-Kultur und verlässliche Prozess- und Ergebniskontrolle, Handlungszufriedenheit, umfängliche fach- und personenbezogene Kompetenzen der Beteiligten, Qualifizierungs- und Fortbildungsbereitschaft, Bereitschaft zur Qualitätsentwicklung und –kontrolle, gemeinsame Verantwortungsbereitschaft gegenüber Eltern, gegenseitige Öffnung für den Netzwerkpartner und couragiertes Verhalten und Lobbyist sein für Kinder.

 

 

 

 

 

 

 

 

5.5.3     Welche Hindernisse überwanden die Kooperationspartner ABK und SV?   

            

Nach Aussagen der ABK-Leitungen und Sportvereinsübungsleiter/innen werden  Gelingensbedingungen aufgezeigt, die Kooperationshindernisse überwinden helfen. Diese werden überwunden, wenn eine Passfähigkeit durch ein angemessenes Klima gegeben ist, es kein egoistisches Taktieren eines Kooperationspartners gibt,  keine Überfrachtung der Kooperation geschieht, gemeinsame Zielvereinbarungen  und genaue Kompetenzabsprachen vorgenommen werden, die Partner angemessene Kompetenzen besitzen und auf einen verlässlichen Strukturrahmen zurückgegriffen werden kann.

 

6.   Zukunftsausrichtung und Wegauftrag für Lobbyistinnen und Lobbyisten für

      Kinder

 

Der Landessportbund NRW und seine Sportjugend haben gesellschaftlich vorausschauend gehandelt und ein zukunftsweisendes  Handlungsprogramm „Anerkannter Bewegungskindergarten“ im Verbund mit dem „Kinderfreundlichen Sportverein“ initiiert.

Die referierten Evaluationsergebnisse verdeutlichen den Wert des Handlungsprogramms und unterstreichen den richtigen Weg für eine Zukunftsausrichtung unserer Kinder.

Weil es keiner alleine schafft, eine notwendige Kinderwelt als Bewegungswelt zu sichern und ein Grundrecht auf Bewegung zu garantieren, sind auch künftig stabile und vorausschauende  Allianzen vonnöten.  Darum ist zu hoffen, dass auch weiterhin funktionierende Netzwerke

für eine gesellschaftliche, politische und  finanzielle Unterstützung und Akzeptanz eintreten.

Sehr begrüßenswert sind auch die zunehmenden Aktivitäten der Mitgliedsorganisationen im Landessportbund, wie Stadt- und Kreissportbünde, die zur Intensität der inhaltlichen Ausrichtung und Stabilität des Berater/innen-Systems für das Programm örtliche Zukunftslösungen suchen.   

Darüber hinaus ist es bei diesem und anderen Programmen und Initiativen, die Kindern nützen, notwendig, dass jeder Erziehende sich als aktiver Lobbyist für Kinder versteht. Für uns darf es keine Pause geben, auf die notwendigen, zukunftsweisenden Wege, die unseren Kindern förderlich sind, wiederholt hinzuweisen und selbst zum aktiven Wahrheitssuchenden zu werden. Dazu zählt auch, couragiert Verantwortung zu übernehmen und Kindern eine Stimme zu geben. Können, Wollen, Sollen und Tun muss für einen verantwortungsbereiten Mitgestalter der Gesellschaft ein selbstverständlicher Wegauftrag sein.

 

 

Autor: Dr. Klaus Balster

Stellvertretender Vorsitzender und Ressortleiter „Bewegung, Spiel und Sport“ der Sportjugend im Landessportbund NRW

Initiator und ehrenamtlich verantwortlich für das Programm ABK

Bergstr. 71

44625 Herne

klaus.balster@t-online.de